Ein blutiger Faden, kunstvoll verwoben: Evelyn Bubichs All these pretty girls

REZENSION Elke Steiner 6. November 2027

Fünf Frauen und ihre Geschichten. Ein stetiger Wechsel von Ort und Zeit und Frau. Und dennoch ein roter Faden. Ein blutiger, bitterer, roter Faden. Zu einem Netz gesponnen, in dem die Erzählungen zittern. Erzählfäden von Ana und Yulia, von Joszefa, Elisabeth und Maria. In Gegenwart und vor der Gegenwart wird unterteilt, in Nachgewalt oder auch in Kapitel, die Jahreszahlen oder einen der Frauennamen als Überschrift tragen.
Manchmal kommen wir den Figuren näher, einer Erzählerin, einem Du, manchmal werden Namen genannt, an anderen Stellen wird in erzählerischer Brillanz ein Schleier über die Figuren und die Umstände geworfen. Er ist aber kein Weichzeichner, sondern ein poetologisches Stilmittel, um Unfassbares und Grausames einzufangen, um eine Sprache für diese Frauen – allesamt Opfer sexualisierter männlicher Gewalt – zu finden.
Manchmal verlieren wir aber auch die Fäden der Erzählstränge, was gemeinhin großen Lesestress bedeuten kann. Nicht so bei diesem Text, der uns sehr einverstanden sein lässt mit diesem Zustand – wenn sich nämlich später nicht alles wie von selbst ineinander verwebt. Und das ist auch die allerhöchste Kunst dieses Textes: dass wir uns deswegen nicht von ihm abwenden, weil er sich auch nicht von uns abwendet. Weil er uns nämlich holt, hinein und ab von überall, zu all den Frauen, über die geschrieben wird und mit all den Kunstgriffen, mit denen der Text nach uns greift und sich als Gesamtbild anbietet.
Phrasen wie „halt still“, „als wäre nichts gewesen“ oder „Augen aus Fraß“ als Marker patriarchaler und gesellschaftlicher Haltungen begegnen uns im Text auf schmerzvolle Weise. Betroffenheit und Faszination liegen beim Lesen so nah beieinander und es drängt sich die Frage auf, ob das sein darf, und es drängt sich die Antwort auf: Ja. Die Sprache von Evelyn Bubich ist eine eigenwillige, spröde Schönheit, ein Handwerk, ein Kunstwerk. Von Agota Kristof bis Ocean Vuong: eine gelungene Sprache für Gewalt und damit einhergehende Sprachlosigkeit zu finden, gelingt nur den Besten. Evelyn Bubich setzt ihre Sprache im besten Sinne als chirurgisches Werkzeug mit Kraft, Präzision und Feingefühl gleichermaßen ein, um die Unfassbarkeiten in den tiefen Wunden der Frauenleben freizulegen. Für diese Operation hat sie formal alles herausgeholt, was möglich ist. Wenn sie etwa von Tagen schreibt,


„die du dir nicht mehr von der Haut kratzen kannst. Sie gehen darunter verschütt.“

Es ist mehr als lyrische Prosa, wenn sich die Wörter auftürmen, wenn man beim Lesen nicht weiß, wohin mit ihnen, wohin mit sich, weil die Protagonistin nicht weiß, wohin mit sich. Wenn ein Gedanke abbricht, eine Kraft erlischt und durch nichts besser als durch ein fehlendes Wort am Satzende abgebildet werden kann. Wenn an anderer Stelle ein lyrisches Stilmittel (Enjambement!) gezielt mitten in den Prosatext gesetzt wird und Leser und Leserin dazu zwingt, genau diesen Satz mehrmals zu lesen, um das Geschehene keinesfalls fassbar zu machen.
Durch diese formale Kür legt Evelyn Bubich einen Text vor, der weit über einen Roman hinausgeht – ein sprachgewaltiger Aufschrei von beklemmender Wucht. Der Ursprung dieser Geschichten liegt nämlich größtenteils nicht in der Fiktion. Notrufnummern am Ende des Buches inklusive.

Elke Steiner ist Autorin, Schreibpädagogin und im Leitungssupport bei einem österreichischen Verlag tätig.


Evelyn Bubich: All These Pretty Girls, OTTO MÜLLER VERLAG
Veröffentlichung: 10/2026
ISBN: 978-3-7013-1347-1
160 Seiten, kartonierter Pappband
Preis: € 24,00, E-Book: € 20,99

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