Überleben: Johanna Grillmayers That’s Life in Dystopia

REZENSION Katharina Sachs, 26. April 2024

Ein Ereignis löscht aus dem Nichts fast alle Menschenleben aus. Die Wenigen, die durch Zufall überleben, formieren sich zu einer kleinen Gemeinschaft und beginnen ihren Neuanfang. Johanna Grillmayer erzählt in ihrem Debütroman That’s Life in Dystopia fesselnd vom Weiterleben nach der Katastrophe.

Die Auslöschung geschieht schlagartig und rasch, sie hinterlässt die Protagonist:innen traumatisiert und ratlos. Jola, aus deren Perspektive der Großteil des Romans erzählt ist, erlebt, wie ihre Mutter in der ausbrechenden Panik zu Boden gerissen wird, die meisten Menschen um sie herum verschwinden, lösen sich in Luft auf. Warum sie und die anderen, die mit ihr in einen Weinkeller fliehen, diesem Schicksal entgehen, weiß sie nicht. Auch wir Leser:innen werden es nicht herausfinden, doch schnell ist ersichtlich: Darum geht es hier nicht. 

Johanna Grillmayer, geboren 1974, lebt mit ihrer Familie in Wien. Studium der Geschichte an der Universität Wien. Arbeitet als Redakteurin beim ORF. That’s life in Dystopia ist ihr erster Roman. Zwei ähnlich um-angreiche Fortsetzungsteile sind in Arbeit.

Foto: MÜRY SALZMANN/JOHANNA GRIL

Die Gruppe Überlebender sieht sich mit dem Ende der Zivilisation, wie sie sie kennen, konfrontiert. Zwar finden sie schnell eine Unterkunft, doch tritt bald eine Vielzahl an Hindernissen auf: Essensbeschaffung, Stromerzeugung, medizinische Versorgung. Nach und nach finden sie Lösungen, schaffen Fachliteratur aus verwaisten Buchhandlungen herbei, beginnen Felder zu bestellen und lernen, für sich selbst zu sorgen. 

Zu den detailreichen Schilderungen des Überlebens kommt das Herzstück des Romans: das Zwischenmenschliche. Sechs Männer und zwei Frauen bilden die Gemeinschaft der Hinterbliebenen und es entstehen unterschiedlichste Beziehungen. Diese physischen wie psychischen Annäherungen sind zart, feinfühlig und oft mit Auslassungen – kurz: sehr grandios – erzählt. Als die beiden Frauen erstmals eine ungeplante Schwangerschaft besprechen und der Entschluss fällt, Kinder in diese Welt zu setzen, fühlt man sich unweigerlich an heutige Problemstellungen erinnert. 

Die Gemeinschaft wächst über die Jahre, Kinder werden geboren oder gefunden, Fremde klopfen an die Tür. Hier blitzt immer wieder eine Beklemmung im Stile von Haushofers Die Wand hervor, denn: Das Fremde ist bedrohlich geworden. 

Und dennoch schafft die Autorin es, eine mögliche Utopie in der Katastrophe zu skizzieren. Die Protagonist:innen dieser Utopia/Dystopia-Erzählung wiederum sind so lebendig geschildert, dass sie nach Beendigung des Romans eine Leerstelle hinterlassen. Es besteht allerdings Hoffnung: Laut Verlag sind zwei Fortsetzungen in Arbeit. Eine Wiederbegegnung mit Jola & Co liegt also in nicht allzu weiter Ferne. Man freut sich nach der Lektüre ungeduldig darauf.

Johanna Grillmayer, That’s life in Dystopia. Müry Salzmann 2024, 432 S, gebunden €28.

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