Poetische Begegnungszone: Eine Stadt schreibt Gedichte

Foto: © Daniel Böswirth, https://www.sevenpoemssevendays.at

INTERVIEW, 11. April 2022

Unter dem Motto „seven poems seven days“ druckte der Künstler Daniel Böswirth vergangenen Sommer an sieben Standorten in Wien sieben Gedichte auf Plakate und verteilte diese an Passanten, eines wurde jeweils an eine Wand gehängt. Dabei konnten die Zuschauer auch den spannenden schöpferischen Prozess des Erstdrucks beobachten und zuschauen, wie mittels einer Linoldruckpresse aus selbstgeschnitzten Plakatvorlagen ein frischer Druck entstand. Danach waren die Bewohnerinnen und Bewohner Wiens aufgefordert, selbst Gedichte zu schreiben und neben das Plakat zu hängen. Daraus ist schließlich ein Gedichtband entstanden, der seit Dezember zur freien Entnahme in öffentlichen Bildungseinrichtungen und Bibliotheken aufliegt, bzw. direkt bei Daniel Böswirth bestellt werden kann.

An der Aktion selbst haben sie auch viele Autorinnen und Autoren mit teilweise handschriftlichen Gedichten, Holzschnitten und Radierungen beteiligt, so etwa auch Peter Turrini, Julian Schutting, Peter Rosei, Gerhard Ruiss, Christian Futscher, Gerhard Jaschke, Robert Schindel, Richard Wall, Lisa Spalt, Sophie Reyer und Ferdinand Schmatz. Gelesen haben die Gedichte u.a. Anne Bennent, Claudius Kölz, Anna Nowak und Justus Neumann. Die poetische Intervention wurde zudem musikalisch begleitet.

Initiator Daniel Böswirth wünscht sich, dass sich die Idee einer poetischen Begegnungszone zu einer dauerhafte Einrichtung entwickelt. Im Interview lässt er die Aktion für uns nochmals Revue passieren.

Wie ist die Idee zur Kunstaktion entstanden?

Im März 2020, also zu Beginn der Pandemie, war ich auf Grund meiner Corona-Erkrankung mehrere Wochen in Quarantäne. In dieser Abgeschiedenheit und Isolation entstand die Idee zu einer öffentlichen, poetischen Intervention. Es sollten besondere Orte in Wien gefunden werden, an denen es jedem frei steht, Gedichte aufzuhängen. Schon die Idee stieß auf große Resonanz, wahrscheinlich auch deswegen, weil der Ausgang des Experimentes nach wie vor offen ist und es nichts Vergleichbares in diese Richtung gibt.

Kunst im öffentlichen Raum – gibt es zu wenig Bewegung auf diesem Raum?

Ganz ehrlich, Kunst im öffentlichen Raum führt doch ein Feigenblattdasein. Was sieht man denn, wenn man durch den öffentlichen Raum geht? Werbung! Wer zahlt schafft an! Doch wem gehört der öffentliche Raum? Wenn Sie heute in Wien ein Plakatgedicht im öffentlichen Raum aufhängen, werden sie wegen Wildplakatiererei angezeigt. Gewista hätte es mir nicht erlaubt bei meiner Kunstaktion, mein eigenes Plakat auf einer von mir angemieteten Litfaßsäule aufzuhängen. Die zuständige Leiterin hat mir gesagt, dass ist ihr in ihrer 20jährigen Berufslaufbahn bei Gewista noch nicht untergekommen, dass jemand sein eigenes Plakat aufhängen möchte. Aus dieser Zusammenarbeit wurde nichts, doch nur soweit zu Ihrer Frage: Gibt es zu wenig Bewegung der Kunst auf diesem Raum…..

Was macht für Sie das Spannende an dieser Art künstlerischer Interaktion aus? 

Der niederschwellige Zugang zur Poesie, der es allen ermöglicht, sich daran zu beteiligen, ob als Leser:in oder Akteur:in, macht die Aktion besonders. Kein Auswahlverfahren, kein abgeschotteter Zirkel, keine Zensur. Zwei Tage bevor ich unter den Arkaden vor dem ehemaligen Wirtshaus am Schlingermarkt mein Plakatgedicht mit musikalischer Begleitung des großartigen Cellisten Lukas Lauermann druckte und aufhängte, war ich am Markt umhergestreift, um Werbung zu machen. Vor einem Espresso sagte ein tätowierter Mann, mit der Frage nach einem Beitrag konfrontiert,: „A Gedicht soi i schreiben? Konn eh Deitsch, warum ned, i schreib da a Gedicht.“ Hat er auch getan und es befindet sich im Buch. Die Parallelen seines Poems zu Walther von der Vogelweide sind übrigens verblüffend.

Daniel Böswirth (Hg.): Eine Stadt schreibt Gedichte. Eine poetische Sammlung, Wien 2021, ISBN: 978-3-200-08080-5, https://www.koer.or.at/vermittlung/gedrucktes/eine-stadt-schreibt-gedichte-eine-poetische-sammlung/

Wie war die bisherige Resonanz? Sind Sie mit den bisherigen Erfahrungen zufrieden?

Ich hatte nicht damit gerechnet, dass ich so großen Zuspruch finde. Institutionen wie das Literaturhaus, das Museums Quartier, die Uni Wien, die Gebietsbetreuung, die Kunstschule Wien, der Central Garden und Kaffeehäuser haben mich unterstützt. Freunde haben mir geholfen, Schriftstellerkolleg:innen wie Peter Turrini, Gerhard Jaschke, Julian Schutting, Richard Wall, Robert Schindel, Gerhard Ruiss, Sophie Reyer, Peter Rosei, Christian Futscher u.v.a.m. haben sich beteiligt. In den Sozialen Medien und Tageszeitungen wurde darüber berichtet. Allein die Website www.sevenpoemssevendays.at hat in kurzer Zeit über 7000 Zugriffe verzeichnet. Wenn man bedenkt, dass eine Auflage von 1000 Stück bei Lyrik viel ist, ist das ein wunderbares Signal. Am schönsten waren für mich aber die vielen Begegnungen und Gespräche bei den Gedichtwänden vor Ort. 

Wie soll es idealerweise weitergehen?

Ohne Förderung von KÖR hätte es meine Aktion nicht gegeben. Ö1 plant einen Sendungsbeitrag. Ich stehe mit der Stadt Wien in Verbindung. Vielleicht ergibt sich eine Zusammenarbeit mit dem Weltmuseum am Heldenplatz. Ich würde gerne aus der temporären poetischen Intervention eine permanente ins Leben rufen. Etwa einer alten Busstation oder Telefonzelle an einem zentralen Ort in Wien. Mit den gesammelten Gedichten könnte jährlich ein Band Eine Stadt schreibt Gedichte herausgegeben werden, in dem eine Auswahl der entstandenen Poems veröffentlicht wird.


Daniel Böswirth, geboren am 08.08. 1968 in Kaltenleutgeben bei Wien, lebt als freier Autor, Grafiker und Fotograf mit seiner Lebenspartnerin in Wien. arbeiten für den Österreichischen Rundfunk („die kunde” hörspiel, „st. petersburg” prosa). Ein Lyrikband erschien in der Reihe experimentelle texte (Karl Riha/Universität Siegen). Linolschnitte seit 1990. 

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