Eine Familien-Geschwister-Geschichte: Angela Lehners 2001

Foto: pixabay

GASTREZENSION von Julie August

Zuerst erschienen am 14. Februar 2022 auf www.buecherschau.at

„Der Lidl ist im Winter der beste Ort im Tal.“ Angela Lehner hat sich in ihrem zweiten Roman nach dem hoch gepriesenen „Vater unser“, in dem sie das viel zitierte und immer noch als Schauplatz Eindruck machende Otto-Wagner-Spital zum Ort ihrer Familien-Geschwister-Geschichte gemacht hat, nun Tal, eine Tourismus-Gemeinde im Westen Österreichs gewählt. Damit wir auch sicher wissen, wo wir uns befinden, ist von „Piefke und Itaker“ die Rede, ist die Wahl zwischen den Sorten des Molkegetränkes Latella Mango oder Latella Maracuja zu treffen, wird das Punschkrapferl ebenso wie Toast Hawaii oder Dragee-Keksis zitiert. 

Zur zeitlichen Orientierung gibt es einen entsprechenden Soundtrack, der aus dem Discman schallt, eine schwarz-blaue Regierung und am Ende einstürzende Wolkenkratzer. Lehners Julia ist eine 14-jährige Schülerin, die mit ihrem Bruder und wohl auch mit ihren Eltern zusammenlebt, von denen erst am Ende des Romans die Rede ist. Sie gehört als Hauptschülerin zum so genannten schulischen „Restmüll“. Der Roman beginnt im Jänner 2001 und endet mit Schulbeginn im September 2001 und Julia vor dem Fernseher, als gerade über die einstürzenden Twin Towers in New York berichtet wird. 

Dazwischen eine originelle Darbietung des damaligen „Jugendsprech“ in der Crew von Julia, die so alles beinhaltet, was man sich von einer entsprechenden Loser-Peer-Group erwartet und die von gender- und diversitätssensibler Sprache noch nichts ahnte, Schulängsten, K.o.-Saufen und als Highlight der Besuch der Hip-Hop-Band Texta im Tal. Julias einziges Interesse gilt Hip Hop und ihre Englischkenntnisse bestehen aus den Texten ihrer Lieblingssongs. Als ihr Bruder zum Studium nach Salzburg gehen wird, dämmert es auch Julia, dass es langsam auch Entscheidungen in eigener Sache zu treffen gilt. 

Der Roman wird jedenfalls seiner Zeit und seinem Sujet gerecht. „Der Juli hat keine Übergänge, er ist ein Moment“ oder „Die Kuh ist der schönste Mensch, den ich je gesehen habe“ sind Sätze, die vielversprechend auf einen gegenwärtigeren Roman und nächsten Roman dieser österreichischen Autorin hoffen lassen. 


Foto © Paula Winkler


Angela Lehner
, geboren 1987 in Klagenfurt, aufgewachsen in Osttirol, lebt in Berlin. Sie studierte Vergleichende Literaturwissenschaft in Wien, Maynooth (Irland) und Erlangen. 2016 nahm sie an der Prosawerkstatt des Literarischen Colloquiums Berlin und 2017 am Klagenfurter Literaturkurs teil. 2019 erhielt sie den Franz-Tumler-Literaturpreis, den Alpha-Literaturpreis und den Debutpreis beim Österreichischen Buchpreis, 2020 den Rauriser Literaturpreis.
 

Das Buch:

Angela Lehner, 2001. Hanser Verlag 2021, 383 Seiten, €24.

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