„Erde wird Feuerball, alle sterben“

Foto © doombot

Seit März 2020 zwitschert die textgenerierende Software Doombot auf dem Twitter Account @deardoombot über mögliche Endzeitszenarien. Mithilfe der von ihnen geschriebenen Software möchten Thomas Hainscho und Julia Knaß zum einen mit Text experimentieren und zum anderen auch das Fragmentarische von Katastrophen widerspiegeln. Im Interview erzählen sie, wie die Idee zu ihrem Bot Liebe Katastrophe entstand und was für sie das Spannende an diesem Format ausmacht.

Den Bot „Liebe Katastrophe“ gibt es nun bereits seit fast zwei Jahren. Wie seid ihr auf die Idee gekommen, einen Bot-Skript zum Thema Klimawandel zu schreiben?

Ende 2019/Anfang 2020 als wir begonnen haben, die Idee für den Bot umzusetzen, waren die Klimakrise und eine allgemeine Weltuntergangsstimmung schon im Alltag präsent, bereits vor dem Beginn der Pandemie. Am Anfang des Bots stand der Satz „Erde wird Feuerball, alle sterben“ – ausgehend von diesem haben wir uns verschiedene Satzstrukturen für Katastrophenszenarien überlegt. Im Namen des Bots Liebe Katastrophe / @deardoombot spiegelt sich diese Faszination für Katastrophen wider. 

Die Entscheidung, einen Bot zu schreiben, und keinen Text bzw. ein Buch zum Thema, haben wir getroffen, da Bots einen anderen Zugang zu Literatur bieten, die Möglichkeit, mit Text zu experimentieren und auch niederschwellig für Leser*innen zugänglich sind. Das Fragmentarische des Bots passt auch gut zum Inhalt, den Katastrophen, die so nur bruchstückhaft zugänglich werden.

Manche Leser:innen haben vielleicht noch nicht so viel Erfahrung mit diesem Format. Könnt ihr kurz erklären, wie ein Bot funktioniert und was ihr daran spannend findet?

Das Format ist auch für uns ein Experiment, sowohl was das Schreiben als auch das Veröffentlichen betrifft. Doombot ist Software, die Sätze generiert, indem Anweisungen über Satzbau und Grammatik mit einer zufällig ausgewählten Menge von Worten ausgeführt werden. Diese generierten Sätze werden auf der Plattform Twitter als Tweets veröffentlicht. Auf der Profilseite von @deardoombot werden die Tweets chronologisch ausgegeben, aber die Doombot-Tweets werden vor allem in den Timelines zwischen den Tweets von anderen Accounts gelesen.

Für uns ist das Spannende und Neue an diesem Format nicht die Frage nach der Autor*innenschaft von Texten – generierte Texte haben historische Vorläufer, die écriture automatique im Surrealismus oder Cut-Up-Texte der Beat-Autor*innen –, sondern die Frage nach den Zugängen zu einem Text jenseits einer viereckigen Seite und ohne definierten Textanfang und -ende.

Ihr habt gemeint, ihr wollt demnächst auch mal ein utopisches/positiveres Bot-Skript schreiben. Ist Klimaprosa zu dystopisch?

Die Doombot-Software wird laufend ergänzt und momentan arbeiten wir an Sätzen, die sich thematisch aus dem Vokabular der Klimakrise speisen und auch die Maßnahmen gegen den Klimawandel verarbeiten. Ob die erzeugten Sätze utopisch oder dystopisch sind, ist schwer zu sagen. Die Frage nach den richtigen Maßnahmen, um den Klimawandel aufzuhalten und die Umweltzerstörung zu beenden, ist ja ein Streitthema. Die Utopie der einen Person ist die Dystopie einer anderen.

Wie allgemein in Bezug auf Klimawandel scheiden sich auch bei Klimaprosa die Geister. Was braucht es eurer Meinung nach, um eine größere Leserschaft zu erreichen?

Wenn mehr Menschen Klimaprosa lesen, muss das nicht bedeuten, dass sie sich auch für Umweltschutz engagieren. Lesen und sich engagieren sind verschiedene Sachen. Wie viele Leser*innen wir mit dem Doombot erreichen, ist für unser Projekt nicht ausschlaggebend. 

Demnächst ist auch eine Webseite zum doombot geplant – könnt ihr uns dazu schon mehr verraten?

Ja, sehr gerne; die Webseite ist seit Februar 2022 online unter www.doomscrolling.at. Auf der Startseite werden neue Entwürfe generiert, man kann unter „Doomscrolling“ in die Katastrophenszenarien des Bots abtauchen. Außerdem werden wir über die Webseite über neue Ideen und Projekte informieren.


Doombot twittert seit 2020 unter @deardoombot. 

Thomas Hainscho hat Philosophie und Informatik studiert, war in den Bereichen Softwareentwicklung und Grafikdesign tätig und hat als Universitätsassistent für Philosophie gearbeitet. Er ist Lektor für Philosophie und betreut die Karl-Popper-Sammlung der Universität Klagenfurt.

Julia Knaß hat Geschichte, Germanistik und Gender Studies studiert. Sie ist Mitgründerin des Literaturheftes “mischen” und Teil des Druckkollektivs Risograd (Schaumbad – Freies Atelierhaus Graz). Gemeinsam mit Anna Neuwirth hat sie das Heft “Ist das 1 Literatur” veröffentlicht (Sukultur 2021).

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