Resourcen-Fiktion: Literatur für eine bessere Welt

REZENSION, Barbara E. Seidl 28. Jänner 2022

Im Frühjahr 2020 riefen der Berliner Verlag mikrotext und der Grazer Literaturverein mischen zu einem OPEN CALL bei dem neue literarische Erzählformen gesucht wurden. Es sollten Möglichkeiten ausgelotet werden, die Auswirkungen des Klimawandels zu verlangsamen oder zu stoppen. Ziel war es dabei, alternative Entwürfe zu finden, um die Welt neu zu gestalten, also sozusagen eine Art Ressourcen-Fiktion zu generieren. Aus zahlreichen Einsendungen gingen zwei Gewinnerinnen hervor. Maike Brauns In 80 Jahren eine neue Welt liefert den hyperrealistischen Alternativenentwurf einer klimafreundlichen Beispielfamilie, Sabine Schönfellner erzählt in Herbstwespen von einer ungewissen Bedrohung in Zeiten von Klimawandel und Naturkatastrophen.

Jedes Jahr sterben die Herbstwespen. Doch wie ergeht es den Menschen angesichts des fortschreitenden Klimawandels und den damit verbundenen Bedrohungen durch Naturkatastrophen und verseuchte Anbauflächen? In einem abgelegenen Haus, von dem sie sich wie magisch angezogen fühlen, leben nacheinander zwei Frauen und ein Mädchen. Um sie herum verändert sich die Landschaft. Unwissen und Eigeninteressen haben dazu geführt, dass die Natur nach und nach immer mehr zerstört wird. Als hinter dem Haus ein Feuer ausbricht, muss die alternde Frau Rehberg, eine der Bewohnerinnen, zittern, ihre Bleibe zu verlieren. Niemand hatte sie gewarnt. Die Bauern der Umgebung sind zu sehr mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt, oder haben überhaupt vergessen, dass das Haus bewohnt ist.

Sabine Schönfellner, Herbstwespen, mikrotext 2020, € 3,99.

In ihrer Erzählung Herbstwespen zeigt Sabine Schönfellner, wie unterschiedliche Figuren mit sich verändernden Klimabedingungen konfrontiert werden. Dabei ermöglicht sie es den Lesenden, die Figuren mit einander zu vergleichen, Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen ihnen festzustellen. Der Fokus beim Lesen liegt dabei nicht so sehr auf der in Mitleidenschaft gezogenen Umwelt, sondern auf dem Erleben der Protagonistinnen. Die in der Erzählung skizzierten Szenen sind Momentaufnahmen, doch lässt sich dahinter ein größeres Bild erahnen. Ein Bild, das keineswegs ein dystopisches ist, sondern durchaus realistische Zukunftsszenarien zeichnet. Schließlich bietet die Autorin den Lesenden jedoch ein versöhnliches Ende.

Wie Samuel Hamen in seinem vielzitierten Essay für Die Zeit Online erklärt, steht Klimaprosa vor dem Problem, dass sie oft gar nicht so fiktional ist. Trotzdem muss sie, so Hamen weiter, nicht unbedingt aktivistisch ausgerichtet sein. Auch wenn die beschriebenen Lebensumstände in Sabine Schönfellners Herbstwespen keine wünschenswerten sind, so bleibt es doch stets den Lesenden überlassen, das Beschriebe zu interpretieren. Dank der poetischen Kraft von Schönfellners Erzählung, die es schafft, die Erfahrungen der Protagonistinnen aus deren Perspektive zu zeigen und dabei gleichzeitig eine erzählerische Distanz zu bewahren, wird Herbstwespen auch Klimawandelskeptiker in ihren Bann ziehen.


Sabine Schönfellner, geboren 1987, studierte Literaturwissenschaft, Skandinavistik und DaF/DaZ und schloss eine Dissertation in Germanistik in Graz und Gießen an. Derzeit arbeitet sie als Projektmanagerin und Texterin im Onlinemarketing, organisiert und leitet Schreibwerkstätten. Sie ist seit 2006 Mitarbeiterin der „Jugendliteraturwerkstatt Graz“, seit 2013 Leiterin der „Jungen LiteraturhausWerkstatt“ im Literaturhaus Wien. Retzhof-Preis für junge Literatur 2017, Teilnahme an der Schreibwerkstatt der Jürgen-Ponto-Stiftung in Edenkoben 2018, Wiener Literatur Stipendium 2019. 2021 erscheint ihr Romandebüt Draußen ist weit beim Literaturverlag Droschl.

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