Literarische Mehrsprachigkeit: ein Phänomen unserer globalisierten, mobilen und durch internationale Netzwerke geprägten Zeit

Foto Credits: Cristina Conti

ARTIKEL Barbara E. Seidl, 24. Juli 2021

Wir alle kommen im Laufe unseres Lebens mit einer Vielzahl an Sprachen in Kontakt. Inwieweit diese in unseren täglichen Sprachgebrauch einfließen, hängt auch von äußeren Faktoren ab. Während Vielsprachigkeit heutzutage in vielen europäischen Ländern als Ideal angesehen wird, sieht die Realität oft anders aus. Grund dafür ist unter anderem die Vormachtstellung nationaler Mehrheitssprachen sowie „universeller Sprachen“ wie Englisch. Das lässt sich nicht zuletzt auch an literarischen Texten ablesen.

Apropos Sprache

Sprache an sich ist nicht als in sich abgeschlossenes, von anderen Sprachen klar abgrenzbares Zeichensystem zu verstehen

Otheguy, García und Reid, „Clarifying translanguaging and deconstructing named languages: A perspective from linguistics“

Sprache ist vielmehr ein soziales oder sozial-politisches Konstrukt, das einerseits durch die Zugehörigkeit seiner Sprecher definiert wird und andererseits auf das individuelle lexikalische und grammatische Repertoire, das für die Kommunikation zur Verfügung steht, verweist. Da dieses Repertoire bei fast allen Sprechern sowohl durch die Kenntnis verschiedener Sprachvarietäten, als auch durch den Kontakt zu anderen Einzelsprachen geprägt ist, ist Mehrsprachigkeit grundsätzlich immer vorhanden. 

Was ist mehrsprachige Literatur?

Der Romanist Georg Kremnitz unterscheidet in seinem kommunikationssoziologischen Überblick zur Mehrsprachigkeit in der Literatur unter anderem den Unterschied zwischen textinterner und textübergreifender Mehrsprachigkeit: Er unterscheidet Texte, in denen mehrere Sprachen vorkommen, von jenen, die einsprachig gehalten sind, deren Autor:innen jedoch auch in anderen Sprachen schreiben. Hinzu kommen noch weitere Sprachen und Idiome, sogenannte latente Sprachen, die mitunter unbewusst in den Text einfließen.

Im Bereich textinterner Mehrsprachigkeit lassen sich außerdem Sprachwechsel und Sprachmischung unterscheiden. Mit Sprachwechsel sind vor allem die in der Linguistik beschriebenen Phänomene des Code-Switching beziehungsweise Code-Mixing, aber auch das aus der Pädagogik übernommene Konzept Translanguaging zu verstehen. Während beim Code–Switching im Gegensatz zu Code–Mixing nicht nur zwischen sprachlichen, sondern auch grammatischen Strukturen verschiedener Sprachen gewechselt wird, bedienen sich Sprecher:in- nen beim Translanguaging ihres gesamten Sprachrepertoires unabhängig vom jeweiligen Gesprächskontext und ohne die verwendeten Sprachen hierarchisch zu ordnen. Schriftsteller:innen, deren Werk eine textübergreifende Mehrsprachigkeit aufweist, werden oft auch als translinguale oder exophone Autor:innen bezeichnet.

Sprachwahl und emotionale Bindung

Yasemin Yildiz weist in Beyond the Mother Tongue: The Postmonolingual Condition darauf hin, dass die Vorstellung einer Muttersprache in Deutschland erst während des 18. Jahrhunderts als Folge radikaler politischer, philosophischer und kultureller Veränderungen entstand. So war Mehrsprachigkeit bis dahin in gebildeten Kreisen der Gesellschaft Teil des Alltags. Erst in Verbindung mit der Vorstellung und Bildung eines homogenen Nationalstaates wurde vor allem in Deutschland der Gedanke verbreitet, dass nur die sogenannte Muttersprache dazu geeignet sei, Gedanken und Gefühle adäquat auszudrücken. So wurde die Muttersprache zu einem Instrument für die Konzeption einer nationalen Identität mit dem Ziel, einen homogenen Kulturraum zu schaffen, dessen Mitglieder durch Sprache miteinander verbunden und von anderen Kulturen abgrenzbar sind.

Uriel Weinreich ging in seiner bahnbrechenden Studie Languages in Contact davon aus, dass spätere affektive Bindungen zu Sprachen – die etwa durch persönliche Beziehungen oder die Liebe zum neuen Heimatland aufgebaut werden – jene an die »Muttersprache« übertreffen können.

Welche Sprache darf es sein?

Die Entscheidung für oder gegen eine Sprache ist immer eingebettet in einen gesellschaftlichen und politischen Prozess.

Maya Haderlap, „Im Licht der Sprache“

Der jeweiligen Sprachwahl für das Verfassen literarischer Texte können vielzählige Faktoren zugrunde liegen: Migration, Exil, Mobilität, ein zweisprachiges Elternhaus oder eine bilinguale Bildung, vermarktungstechnische Gründe oder die bewusste Wahl einer Kleinsprache, um ein politisches oder kulturelles Statement zu setzen.

Der Kontakt mit anderen Sprachen in Zeiten großer globaler Mobilität und internationaler Netzwerke eröffnet die Möglichkeit, den eigenen Erfahrungs- und Ausdruckshorizont zu erweitern. Mehrsprachigkeit muss nicht durch Migration oder Exil erzwungen werden oder die Konsequenz einer vielsprachigen Erziehung sein, sondern kann zu jedem Zeitpunkt im Leben aus einer Vielzahl an Gründen freiwillig gewählt werden. 

Mehrsprachig zu schreiben, in einer Sprache zu schreiben, die erst später im Leben erlernt wurde, oder die keine globale Reichweite hat, bringt natürlich immer das Risiko mit sich, nicht ausreichend verstanden zu werden. Im Idealfall entsteht dadurch aber auch die Chance, Sprachgrenzen überschreitende Kontaktzonen zu schaffen.

*Der vorliegende Artikel ist eine Kurzfassung eines Essays, der unter dem Titel „Autorität oder Authentizität? Sprache, Ausdruck und Identität im multilingualen Schreiben“ 2020 in: Erika Unterpertinger, Julia Pacal, Ariane Fiala (Hg.): [ Literatur + Transfer { Tagungsband des 9. Studierendenkongresses der Komparatistik. 21.-23. Juni 2018 bei danzig & unfried erschien.

Mehr dazu auch im Interview mit Auf Buchfühlung: Auf Buchfühlung trifft Litrobona: Mit Barbara E. Seidl über Vielsprachigkeit, translinguales Schreiben und die (Sprach-)Grenzen des Literaturbetriebs


LITERATUR

Dembeck, Till: „Sprachwechel/Sprachmischung.“ in: Dembeck, Till, Parr, Rolf (Hrsg.): Literatur und Mehrsprachigkeit. Ein Handbuch. Thübingen: Narr, Francke Attempto, 2017. S. 125–166.

Haderlap, Maya: „Im Licht der Sprache. Klagenfurter Rede zur Literatur“, 2014, http://archiv.bachmannpreis.orf.at/bachmannpreis.eu/presse.bachmannpreis.eu/d/11012-1/haderlap_rede.pdf

Kremnitz, Georg: Mehrsprachigkeit in der Literatur. Ein kommunikations-soziologischer Überblick. Wien: Praesens Verlag, 2015.

Otheguy et al. „Clarifying translanguaging and deconstructing named languages: A perspective from linguistics.“ Applied Linguistics Review 6.3 (2015): 281–307.

Pavlenko, Aneta: Emotions and Multilingualism. Cambridge: Cambridge UP, 2005.

Yildiz, Yasemin. Beyond the Mother Tongue: The Postmonolingual Condition. New York: Fordham UP, 2012.


BARBARA E. SEIDL ist freie Autorin sowie Medien- und Literaturwissenschaftlerin. Zu ihren akademischen Forschungsschwerpunkten zählen literaturwissenschaftliche Emotionsforschung, Darstellungsformen von Abwesenheit und Mehrsprachigkeit in der Literatur, sowie digitale Literaturkonzepte.

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