Poetischer Streifzug durchs Mürztal: Inventar der Gegend

REZENSION Barbara E. Seidl 15. 5. 2021

Was braucht es für ein gutes Leben? Und welche Rolle spielt dabei der Ort, an dem wir leben? Die Schriftstellerin Angelika Reitzer, der Fotograf Ditz Fejer und die Komponistin Maria Gstättner haben sich die Aufgabe gestellt, das steirische Mürztal in lyrischen Texten, Fotografien und als Komposition poetisch, geografisch und musikalisch zu inventarisieren. Das Ergebnis ist Inventar der Gegend, ein beeindruckendes intermediales Projekt, das dieses Frühjahr als Audio-CD und in Buchform bei Edition Kürbis/pumpkin records erschien.

Anhand der Region rund um Mürzzuschlag werden Themen wie Gehen, Bleiben und (Zurück-) Kommen behandelt. Die Fragen, die dabei aufgeworfen werden, haben jedoch überregionale Relevanz.

Die Entscheidung für oder gegen einen Lebensmittelpunkt ist häufig von einzelnen, mitunter auch pragmatischen Entscheidungen und biografischenen Zufällen abhängig: Die Familie, die Arbeit, die Liebe.

Inventur, Inventar der Gegend (2021)

Angelika Reitzers Langgedicht wurde von Gesprächen und historischen Aufzeichnungen in und aus dem Mürztal inspiriert und beschäftigt sich gleichermaßen mit Herkunft und Fremdheit – mit der Gegend im Sinne dessen, was der Betrachterin gegenüberliegt und ihr die Richtung weist.

Angelika Reitzer, geboren 1971 in Graz; studierte Germanistik und Geschichte in Salzburg und Berlin, seit 2001 lebt sie in Wien. Redaktionelle Mitarbeit und Moderation bei der Reihe Textvorstellungen sowie für literarische Neuerscheinungen in der Alten Schmiede Wien, Lehrtätigkeit am Institut für Sprachkunst an der Universität für Angewandte Kunst Wien, Kuratorin (gemeinsam mit Wolfgang Straub) von Bleistift, Heft & Laptop. 10 Positionen aktuellen Schreibens im Literaturmuseum der Österreichischen Nationalbibliothek (bis Februar 2017). Zahlreiche Auszeichnungen u.a. 2007 Hermann-Lenz-Stipendium, 2008 Reinhard-Priessnitz-Preis, 2009 Förderungspreis der Stadt Wien und Robert Musil-Stipendium des bm:ukk, 2012 Otto Stoessl-Preis, 2014 Literaturpreis des Landes Steiermark.

Maria Gstättner, geboren 1977 in Mürzzuschlag/Österreich. Lebt und arbeitet in Wien und Burgenland. Ihr musikalisches Schaffen erstreckt sich u. a. von den Wiener Philharmonikern, den Wiener Symphonikern, dem Radio Symphonieorchester Wien, der Volksoper Wien hin zu zeitgenössischen Ensembles wie dem Klangforum Wien, dem Ensemble Kontrapunkte, die reihe, dem Ensemble Phace, dem Sonic Fiction Orchestra. Weiters spielt sie auf den Bühnen des Burgtheaters und des Volkstheaters Wien, tritt international als Solistin und Kammermusikerin auf und arbeitet in Bereichen von interdisziplinärer Performancekunst und freier Improvisation. Sie ist als künstlerisch wissenschaftliche Forschende im Bereich musikalische Improvisation/Intuition tätig und hat Lehraufträge an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien inne.

Im Zusammenspiel mit Maria Gstättners musikalischen Streifzügen wird Reitzers Lyrik zu Liedertexten, in denen das Erleben der Gegend von verschiedenen Perspektiven aus beleuchtet wird, etwa entlang (unsichtbarer) historischer Spuren in „Stille Karte“ oder durch eine Reflexion des Heimatbegriffs in „Street-View-Heimat“.

Heimat ist, wo nur du bist

Wo ist mein Zuhaus?

Street-View-Heimat, Inventar der Gegend (2021)

Maria Gstättner hat, ausgehend von Reitzers Gedichten, Neue Musik mit Pop-Elementen komponiert, die von Popstimmen und Instrumentalist*innen interpretiert wird. Gstättner greift das Ausgangsmaterial auf und ergänzt es um eigene kreative Einblicke in die Gegend.

Erweitert wird dieses poetisch-musikalische Inventar durch Ditz Fejers Fotografien. Die menschenleeren Bilder halten Details aus dem Leben im steirischen Mürztal fest, wobei jedes Foto für sich eine eigene Geschichte erzählt. Die Aufnahmen zeugen von der schlichten Schönheit der Gegend, die in der Schnelllebigkeit des Alltags manchmal vielleicht untergeht.

Ditz Fejer, geboren 1974 in Bruck an der Mur, arbeitet als freier Fotograf in den Bereichen Architektur, Kunst und Kultur. Seine Arbeiten wurden mehrfach international ausgezeichnet, ausgestellt und in Magazinen und Büchern publiziert. Er ist unter anderem Träger des Henning Larsen Space Image Award Copenhagen. 

Inventar der Gegend, Lyrik von Angelika Reitzer, Musik von Maria Gstättner, Fotografie von Ditz Fejer. CD inklusive Buch. Edition Kürbis 2021.

Inventar der Gegend ist ein bemerkenswertes zeitgenössisches Kunstprojekt, ein poetisches Inventar, das ein Stück Lebensraum von verschiedenen Seiten erkundet und dabei wichtige Fragen in Bezug auf Heimat und Fremde aufwirft. So widersprüchlich die Menschen in und aus dem Mürztal ihre Gegend erleben, so unterschiedlich fallen auch die Interpretationen der drei Künstler*innen aus. Dennoch ergibt sich letztendlich ein stimmiges Ganzes – ein vielschichtiges Porträt der steirischen Region.


Barbara E. Seidl ist freie Autorin, Literaturwissenschaftlerin und Trainerin für Deutsch und Englisch als Fremdsprache.

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