Ich gehöre zu den glücklichen Menschen, denen vom Kleinkindalter an vorgelesen wurde. Ich erinnere mich, dass ich als Vorschulkind mit einem aufgeschlagenen Buch an unserem Küchentisch saß und mit dem Finger über die Zeilen fuhr, sodass es aussah, als würde ich lesen. Vom Gelächter meiner Geschwister ließ ich mich nicht beirren, als „Scheinbar-Lesende“ stand ich über den Dingen. Mein erstes eigenes Buch durfte ich mir dann in der ersten Volksschulklasse beim Weihnachtsbüchertisch aussuchen: „Sinchen hinter der Mauer“.
Es ist ein Kinderbuch von Ursula Wölfel, einer der bedeutendsten deutschen Kinderbuchautorinnen der Nachkriegszeit, und erzählt eine Geschichte über Freundschaft, Fantasie und die Begegnung mit der Realität.

Ursula Wölfel, Sinchen hinter der Mauer. Ravensburger Verlag, 1969.
Sinchen wächst in einem schönen Garten auf, der fast wie ein eigenes kleines Königreich wirkt: Blumen, Bäume, ein Teich, ein Haus – alles gepflegt, ruhig und sicher. Sinchen ist behütet, geliebt – aber auch einsam, weil alles von einer hohen Mauer umgeben ist. Um ihre Einsamkeit zu überwinden, erfindet sie einen unsichtbaren Spielkameraden namens Muli. Ihre Welt ist ruhig, geordnet, ein bisschen märchenhaft – bis eines Tages ein fremder Junge an der Mauer auftaucht – Ali. Er kommt von „der anderen Seite der Mauer“. Zwischen Sinchen und Ali entwickelt sich eine Freundschaft. Muli versucht, Sinchen vom Jungen fernzuhalten. Er malt Gefahren aus, die draußen lauern könnten. Sinchen ist hin- und hergerissen. Die Mauer wird zum Symbol: Grenze und Sehnsucht zugleich. Sinchen erkennt, dass Muli ein Teil ihrer Fantasie ist. Sie verabschiedet sich liebevoll von ihm und folgt dem Jungen hinaus in die Welt. Die Mauer verliert ihre Macht – sie ist nicht mehr Grenze, sondern Vergangenheit. Das Ende ist offen und hoffnungsvoll: Sinchen beginnt ein neues Kapitel ihres Lebens.
Die Handlung ist einfach, aber emotional vielschichtig und ich frage mich heute, ob ich das damals als Siebenjährige alles so verstanden habe, denn es ist ja durchaus poetisch und symbolisch und steht für Freiheit, Risiko und Entwicklung. Aber was ich genau weiß: dass es mich berührte und faszinierte, dass es mich stolz machte. Ich durfte mir dieses Buch selbst aussuchen, mein erstes eigenes Buch, das nur Buchstaben und keine Bilder mehr enthielt und das ich (ohne nur so zu tun) von Anfang bis zum Ende gelesen habe. Ein Buch, das den Beginn einer großen Leseleidenschaft markierte.
ELKE STEINER, geb. 1969 lebt und arbeitet als Autorin, Schreibpädagogin und Literaturvermittlerin im Burgenland und in Wien. Für ihr Schreiben erhielt sie bereits mehrere Preise und Stipendien, zuletzt den Jurypreis beim ORF-Textfunken-Wettbewerb 2023. Sie ist Mitglied der Grazer Autorinnen Autorenversammlung, im Literaturkreis Podium und beim Berufsverband Österreichischer Schreibpädagog:innen. Viele ihrer Texte wurden in Literaturzeitschriften und Anthologien sowie im Hörfunk veröffentlicht. Ihre beiden Romane „Über das Licht gedreht“ und „Die Frau im Atelier“ erschienen 2018 und 2021 in der edition keiper, Graz. Der Lyrik-Krimi „hast dein Federkleid gelöscht“ erschien 2024 in der edition lex liszt 12. Zuletzt wirkte sie mit einem Text am Opern-Projekt „Ode an die Freude“ von Peter Wagner und Thomas Monetti mit.
Ach danke, liebe Elke. Ich LIEBE dieses Buch. Es war weit weg. Jetzt hast Du es wieder zu mir gebracht. DANKE und ALLES Liebe, Susanne Sommer, http://www.textbewegungen.at
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