Ich kann mich, zum Ärger meiner Mutter, nicht gut an meine Kindheit erinnern. Die Ereignisse, die ich präsent habe, kann ich kaum in eine Chronologie bringen – dementsprechend weiß ich nicht, wann ich Astrid Lindgrens Die Brüder Löwenherz las und ob ich zu diesem Zeitpunkt schon andere Bücher der Autorin kannte.
Ich weiß aber noch, dass mich dieses Buch tief beunruhigt, vielleicht sogar verstört hat. Es beginnt mit einem wirklich grausamen Kapitel: Die titelgebenden Brüder Jonathan und Karl sind einander sehr nah, doch Karl ist schwerkrank. Ich weiß noch, dass ich davon ausging, dass Karl bald sterben würde. Lindgren ist aber weit weniger vorhersehbar – und hat einen viel größeren Hang zu Tragik, als ich ahnte. Denn statt Karl stirbt zuerst der kerngesunde Jonathan – und zwar bei einer Rettungsaktion aus dem brennenden Haus der Familie: Die Brüder bemerken den Brand, Jonathan nimmt Karl huckepack, und springt aus dem Fenster. Der Körper seines Bruders fängt Karls Sturz ab.

Astrid Lindgren, Die Brüder Löwenherz. Ötinger, 1974. 240 S.
Ich war bestürzt – und dachte beklommen darüber nach (denke immer noch darüber nach), ob ich den Mut Jonathans hätte, ob ich so selbstlos wäre. Mein eigener Bruder ist ebenfalls krank, nicht so krank wie Karl, Gott sei Dank, aber doch krank genug, dass es in meiner Familie immer wieder Thema war – als Kind war es naheliegend, die Brüder Löwenherz als Spiegelbild zu lesen. Sie gingen mir nah, tun es noch heute.
Rick Lupert studierte Vergleichende Literaturwissenschaft in Wien. Veröffentlichungen in diversen Literaturzeitschriften, u.a. DAS GRAMM. Sein Debütroman Der schlimmste Feind (Verlag Rotscheibe) erschien 2024. Für die Arbeit an seinem zweiten Roman Erinnern an uns (Verlag Rotscheibe, 2026) erhielt er ein Residenzstipendium der Jan-Michalski-Stiftung. Aktuell studiert er Literarisches Schreiben und Lektorieren in Hildesheim.