Nach meinem liebsten Kindheitsbuch gefragt, fallen mir erst einmal lauter Jugendbücher ein. Die spannenden, die seltsamen, die lustigen, die, die ich furchtbar dumm fand und die, die mir bis heute geblieben sind. Aber Kindheitsbücher?
Mir fallen die „Geschichten vom Franz“ ein, obwohl ich eigentlich mehr „Mini“ gelesen habe, der „Maulwurf Grabowski“, der „Regenbogenfisch“, den ich nicht mochte, und ein paar Buchcover, deren Titel in den Eindrücken der Illustrationen verloren gegangen sind. Nur bei einem Buch habe ich sofort mehrere Details der Geschichte und Bilder konkret vor Augen, obwohl ich sicher 20 Jahre nicht hineingeschaut habe: „Neues aus dem Bahnhof Bauch“ von Anna Russelmann, die das Buch auch selbst illustriert hat.
Das Kindergartenkind Julia schlingt beim Essen. Und weil Julia schlingt, fällt das Essen in ihrem Bauch als große Trümmer herab. Und zwar auf den Bahnhof Bauch. Dort arbeiten die Bäuchlinge und sind mit Julias Schlingen schnell überfordert. Zuerst müssen sie sich vor den Riesenbrocken und ewig langen Spaghetti in Sicherheit bringen, bis ein Berg die Schienen lahm legt, dann begräbt auch noch ein Eis alles unter sich. Die Bäuchlinge, deren Arbeit es eigentlich ist, das Gegessene noch ein wenig feiner zu zerteilen, Flüssigkeit im richtigen Verhältnis zuzusetzen und in die Waggons zu verfrachten, die dann ihre Fahrt durch den Darm antreten, fallen um und aus, müssen sich gegenseitig retten und treten schließlich in Streik. Und Julia hat Bauchweh.
Sehr liebevoll und auf Augenhöhe werden in diesem Buch Informationen zur Verdauung, dem Magen und dem richtigen Kauen für Kinder aufbereitet. Das liegt nicht zuletzt an den vielen Illustrationen, die auf manchen Seiten fast wie Wimmelbilder funktionieren. Wer lange genug schaut, kann den Bäuchling entdecken, der mit einem Salatblatt ein Schiffchen in einer Lacke gebastelt hat oder den, der in seiner Höhle gemütlich Musik hört.
Natürlich wäre es schön, wenn vorne und hinten die Beispiele für gesundes und ungesundes Essen auch vermitteln würden, dass ein Eis oder ein Gummibärchen ab und zu schon okay sind und es nicht ausschließlich Brokkoli und Apfelspalten sein müssen, aber trotzdem finde ich das Buch auch aus heutiger Sicht nicht moralisierend und sehr gut gealtert.
Als Kind bekommt man jedenfalls Lust, richtig zu essen und zu kauen. Nicht aus schlechtem Gewissen den Bäuchlingen gegenüber, sondern weil man den kleinen grünen Arbeiter*innen nur Gutes will, sie zum Beispiel auch einmal faulenzen lassen, wie es im Buch heißt. Und außerdem sieht der fein gekaute Regen, von dem einer der Bäuchlinge träumt, einfach so angenehm aus, dass man am liebsten selbst im Bahnhof Bauch anfangen würde.
Katherina Braschel wurde 1992 in Salzburg geboren und lebt und arbeitet als freie Schriftstellerin in Wien. Sie ist zudem Kulturveranstalterin, Redaktionsmitglied einiger Literaturzeitschriften und gibt Schreibworkshops für Menschen in jedem Alter. Diverse Preise und Stipendien sowie Veröffentlichungen, zuletzt der Limburg Preis 2022 und der Franz-und-Eugenie-Kain-Literaturpreis 2024.
2024 verbrachte sie ebenfalls vier Monate als Writer in Residence der Max Kade Foundation an der Bowling Green State University Ohio.
Ihr Debüt es fehlt viel erschien 2020 in der Edition Mosaik.




