Wohltuend wehtuend: Harald Darers Mongo

REZENSION Barbara E. Seidl 09. Mai 2022

Es gibt halt solche und solche.

Harald Darer, Mongo

Bei vielen werdenden Eltern sind es Tränen der Freude, die hervorbrechen, wenn der Kinderwunsch in Erfüllung geht. Nicht so bei Katja, der Frau des Protagonisten in Harald Darers neuem Roman Mongo, der dieses Frühjahr im Picus Verlag erschienen ist. Katja hat Angst, Angst, dass das Kind so werden könnte, wie ihr Bruder Markus, der mit Trisomie 21 geboren wurde.

Einfühlsam, neugierig und pointiert lässt der Autor seinen Erzähler Harry Begegnungen mit dem Schwager und anderen Menschen, für die in der Gesellschaft kein Platz vorgesehen ist, Revue passieren. Dabei scheut Harry auch nicht davor zurück, zuzugeben, dass er sich selbst nicht immer korrekt gegenüber Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung verhalten hat. So erzählt er etwa von Albert, der im heimatlichen Dorf mit Ausgrenzung und Spott bedacht wurde und dem Harry aus Langeweile und kindlichem Übermut dereinst einen gemeinen Streich spielte.

Als der Erzähler beginnt, in seiner Umgebung nachzufragen, kommt noch viel Schlimmeres ans Licht. So erinnert sich etwa die Schwiegermutter an schaurige nächtliche Anrufe von anderen Eltern, die Markus nicht in der Klasse ihrer Kinder haben wollten.

Harald Darer, Mongo, Picus Verlag, 2022.
216 Seiten; gebunden; EUR 22,-.

Es ist dem leichten, mit typisch österreichischen Ausdrücken gespickten, Erzählstil zu verdanken, dass Mongo trotz schwieriger Themen wie Euthanasie, Pränataldiagnostik und Sexualbegleitung bei Menschen mit Behinderung dennoch unterhaltsam bleibt.

So schiebt Markus etwa die Bedenken seines Schwagers nach einem ersten mißlungenen arrangierten Damenbesuch mit dem Satz, „ACH, ICH WEISS WAS GUTES: PUNSCHKRAPFEN“, beiseite. Menschen wie Markus und ihre Bedürfnisse werden gerne übersehen, oft absichtlich ignoriert.

Wenn Markus nach einem Geisterbahn-Besuch mit dem Schwager verkündet: „ACH, DAS WAR WOHLTUEND WEHTUEND“, dann kann sich die Leserin nur anschließen. Mongo ist ein Plädoyer für das Hinsehen, das Aufbrechen von Normen und eine unvoreingenommene Inklusion. Es sollte viel mehr Romane mit Charakteren wie Markus geben. Schön, dass es wenigstens dieses Buch bereits gibt.


Harald Darer, geboren 1975 in Mürzzuschlag, Steiermark, begann nach der Lehre zum Elektroinstallateur und einschlägigen Weiterbildungen mit dreißig Jahren zu schreiben. Sein Debütroman »Wer mit Hunden schläft« erschien 2013 im Picus Verlag. 2015 folgte »Herzkörper«, im Jahr darauf »Schnitzeltragödie«, 2019 »Blaumann« und 2022 sein neuester Roman »Mongo«. http://www.der-darer.net

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