„Ich wollte hier keine Verniedlichung, keinen Euphemismus, sondern Klartext“

Foto © Robert Saringer

In seinem neuesten Roman Mongo lässt Harald Darer seinen Erzähler den Lebensweg von Markus Revue passieren, der mit Trisomie 21 geboren wurde. Im Interview erklärt der Autor, warum er für sein Buch so einen provokanten Titel gewählt hat und warum es ihm ein Anliegen ist, Menschen mit Behinderung sichtbarer zu machen.

Der Ich-Erzähler Ihres neuen Romans heißt Harry, Sie selbst heißen Harald. Bei so einer Namensähnlichkeit zwischen Autor und Erzähler, stellt sich natürlich meistens die Frage, wie viel eigene Erfahrung in diesem Buch steckt.  

Eine Menge an eigenen Erfahrungen steckt darin, sonst hätte ich wahrscheinlich das Buch in dieser Form nicht geschrieben. Trotzdem ist es keine Autobiografie. Man könnte sagen, die Geschichte wurde nach wahren Begebenheiten erfunden.

Der Titel Mongo ist auf den ersten Blick doch sehr provokant. Warum haben Sie sich gerade für diesen Begriff entschieden? 

Weil Markus (die Figur mit Down-Syndrom) von früher Kindheit an und immer wieder mit dem Wort „Mongo“ konfrontiert wurde und es als Synonym steht für Diskriminierung, Ausgrenzung und Marginalisierung. Ich wollte hier keine Verniedlichung, keinen Euphemismus, sondern Klartext.

Harald Darer, Mongo, Picus Verlag 2022, 216 Seiten, € 22.

Intellektuelle Beeinträchtigung ist in der Literatur nach wie vor ein noch stark unterrepräsentiertes Thema, spiegelt das Ihrer Meinung nach auch die allgemeine Haltung innerhalb der Gesellschaft wider?

Menschen mit Behinderung leben zumeist unter unserer Wahrnehmungsgrenze. Sie sind nicht nur in der Gesellschaft, sondern oft auch in den Familien Randerscheinungen, wahrscheinlich weil sie nicht so funktionieren wie sie sollen oder wie es von einem Durchschnittsmenschen erwartet wird.

Gibt es dennoch ein Buch, dass Sie zu der Arbeit an Mongo inspiriert hat?

Vom Inhalt her nicht, da war ich im Privaten nahe genug am Thema dran. Mich inspirieren Bücher, die mich in Sprache, Form und Stil beeindrucken. Um was es darin geht ist eher zweitrangig.

Harald Darer, geboren 1975 in Mürzzuschlag, Steiermark, begann nach der Lehre zum Elektroinstallateur und einschlägigen Weiterbildungen mit dreißig Jahren zu schreiben. Sein Debütroman »Wer mit Hunden schläft« erschien 2013 im Picus Verlag. 2015 folgte »Herzkörper«, im Jahr darauf »Schnitzeltragödie«, 2019 »Blaumann« und 2022 sein neuester Roman »Mongo«. http://www.der-darer.net

Inklusion beginnt mit Sichtbarmachung, Ihr Buch ist hier ein wertvoller Beitrag. Was bräuchte es Ihrer Meinung nach noch, um Menschen ihre Vorurteile zu nehmen?

Ich denke, wie bei allen Vorurteilen unbekanntem und fremdem gegenüber, ist der persönliche Kontakt, das Kennenlernen und das Gespräch das beste Mittel, um Ängste abzubauen. Erst dann ist ein unverkrampfter Umgang miteinander möglich. In der Realität werden aufgrund der nichtinvasiven Pränataltests in Europa immer mehr Föten mit Verdacht auf chromosomalen Anomalien wie Trisomie 21 abgetrieben. Menschen mit Down-Syndrom wird es also immer weniger geben. Ihre Wahrnehmung wird weiter schwinden.

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