Gabriele Petriceks Am Ufer meines Setzkastens

GASTREZENSION von Andreas Tiefenbacher, zuerst erschienen auf https://www.buecherschau.at

Die in diesem Band versammelten Texte stellen sich der Frage, „wie dehnbar Sprache sein kann“, denn „die Lust an der Variation und der Steigerung der literarischen Dichte“ ist bei Gabriele Petricek groß.

In der Regel geht sie von Topografien aus. Ihre Anhaltspunkte sind Bahnknoten, Stationen, Umsteigestellen, Höhenmeter, Entfernungsangaben, aber auch Weingärten, Bahnstrecken, Treppelwege und Flüsse. Verbindungen zum Leben der Schriftstellerin finden sich immer. Sie sind mitunter eng, dann wieder kunstvoll abstrahiert. Es werden Leidenschaften und Gewohnheiten thematisiert, auch Kindheitserinnerungen und die „Familienüberlieferung“. 

In der titelgebenden Erzählung wird ein „Waldviertelsommer“ Ende der 1960er Jahre in Erinnerung gerufen. Er findet „brummend, surrend, luftsirrend und brütend“ im Entdecken und im Nichtstun in Weikertschlag beim Großvater statt. Die Autorin ist zwölf Jahre alt, ihre Schwester zehn. Die beiden spazieren barfuß durch den Gemüsegarten oder fahren in der „Borgward Isabella“ mit der ganzen Familie zum Badeausflug an den Stausee Ottenstein. 

Ist sie mit der Schwester allein, werden die Haare „zu Sechsen geklopst“ und „festigersteif“ weit in die Wangen geschoben oder hinterm Blumengarten erste Zigaretten aus Kukuruzblättern geraucht. 

Aus der Erinnerung kehrt die Ich-Erzählerin immer wieder in die Gegenwart eines Sommersonntags zurück, der sie zu einem barocken Schüttkasten nach Primmersdorf führt. Sie changiert gekonnt zwischen den Zeitebenen und verwebt in den Text kleine gereimte, in Blockbuchstaben gehaltene Satzweisheiten, die quasi wie fruchtbare Inseln aus dem kreativen Sprachmeer herausragen. Und sie verschweigt nicht, mit der Autorin identisch zu sein, die (bevor sie Schriftstellerin geworden ist) das Schneiderhandwerk und Zeichnen von Modefigurinen erlernt hat.

Gabriele Petricek, Am Ufer meines Setzkastens, Erzählungen, Sonderzahl 2021, 168 Seiten, € 18.

Die Schilderungen sind dicht und abwechslungsreich und mit sehr viel Details gespickt, ob es nun um das Nassrasurritual des Großvaters geht oder darum, wie einem tot gefahrenen Hasen das Fell über die Ohren gezogen wird.

„Überall fließt das Waldviertel“. Es fungiert quasi als „Background“, in dem auch der von seiner Stiefmutter streng erzogene, als Bub einmal mit der Zunge am Wintergeländer der Raabser Brücke picken gebliebene Vater erscheint, der Müllermeister geworden ist und sich später mit dem Bau von Getreidesilos befasst hat.

In „Labor des Lebens“ kommt der zwanzig Jahre zurückliegende, plötzliche Tod der Mutter zur Sprache, den sie mithilfe der Videoinstallation MARY von Bill Viola reflektiert. Sie ruft sich die Eintönigkeit des Röntgenlabors in Erinnerung, in dem die Mutter gearbeitet hat oder den Versuch, wegen eines Brandteigkrapfenrezeptes mit ihr zu telefonieren, als sie bereits tot ist; während sie in „Malheur und Manöver“ zugibt, an sich selbst zu erkennen, wie die Mutter gewesen ist.

Da sind es in Alben geklebte Fotos ihres Vaters, die Erinnerungen auslösen, dort Zeitungsartikel und Nachrichten aus dem Radio, die als „narrative Fakten“ Eingang in die Fiktionen  finden.

Immer wieder kommen Selbsterfahrungen, Erlebtes und Überlebtes zur Sprache. Auch der Tod ihrer Schriftstellerinnenkollegin und langjährigen Freundin Adelheid Dahimène ist ein Thema: „Der Rebe Spiegel funkeln silberdunkel“ wird nicht nur ein wenig zum Ratgeber „Wie leben geht“, sondern der Text stellt sich auch die Frage: „Wie nimmt man Kontakt zu einer Verstorbenen auf?“ – und wird dadurch ein wenig zum Trostspender, dass die Virginia rauchende, einen Berg hoch stürmen und in einen Fluss springen oder den Attersee durchschwimmen Wollende in ihrem unermüdlichen Schreiben und Rauchen es ja noch gar nicht bemerkt zu haben scheint, dass sie „nicht mehr“ lebt.

Konventionellen Erzähllinien folgen diese Texte nicht. Sie wachsen aus dem, was im Illusionsgestrüpp der Sprache hängenbleibt und hanteln sich an der „reinen und schönen Lüge“ entlang. Was daraus entsteht, wird gewissenhaft zurechtgeschnitten. Eine akribische Gedankenarbeit. Aber genau sie schafft wahre Literatur.


Gabriele Petricek, in Krems an der Donau, Niederösterreich, geboren, lebt in Wien. Ausbildung zur Modedesignerin und Damenkleidermacherin. Zunächst Modeentwerferin, später Marketingassistentin und freie Journalistin für Mode, bildende Kunst und Architektur. Mitarbeit an Ausstellungen. Arbeitet als Schriftstellerin, Kulturpublizistin, Modeberaterin. Veröffentlichungen in in- und ausländischen Zeitungen, Zeitschriften, Ausstellungskatalogen, Literaturzeitschriften und im ORF. Regelmäßige Mitarbeit als Kunstkritikerin in jazzzeit, Magazin für Musik und Lebenskunst. Mitglied der Grazer Autorenversammlung. Schreibt an den Erzählungen Von den Himmeln und am Roman bestürzt geboren. 1995 Theodor Körner-Förderungspreis für Literatur, 1999/2000 Hans Weigel-Literaturstipendium des Landes Niederösterreich. 2002/2003 und 2003/2004 Staatsstipendien für Literatur.

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