Vom Ende der (Un)schuld: Kaska Brylas Die Eistaucher

REZENSION Barbara E. Seidl, 26. März 2022

Die Schulzeit ist für viele eine Zeit, in der sie etwas über sich selbst lernen. Die Klassengemeinschaft ist ein Mikrokosmos dessen, was die Heranwachsenden später im Arbeitsleben erwartet. So bietet sich etwa die Gelegenheit, mit Selbstdarstellung zu experimentieren, Gelassenheit gegenüber Mobbing-Versuchen zu üben und dabei auch mal gegen den Strom zu schwimmen. Im Idealfall ist der Übergang von der Kindheit zum Erwachsenenleben ein längerer, stufenweiser Prozess. Nicht so in Kaśka Brylas neuestem Roman Die Eistaucher.

Im Mittelpunkt der Handlung stehen die hochintelligente Skaterin Ina, die schöne Jess und der pummeligen Ras – eine unzertrennliche Gruppe, die sich selbst die Eistaucher nennt. Zusammen mit zwei weiteren Jugendlichen, Rilke Rainer und dem schönen Sebastian, zwei Möchtegern-Dichter, die sich „die Avantgarde“ nennen, werden die Eistaucher eines Nachts Zeuge eines scheußlichen polizeilichen Übergriffs, der ihrer Unbeschwertheit ein jähes Ende bereitet. Da das Verbrechen für die Täter ohne Folgen bleibt, beschließen die Jugendlichen, die Angelegenheit selbst in die Hand zu nehmen. Ein Unterfangen, das ihnen schnell entgleitet. Zwanzig Jahre später taucht ein geheimnisvoller Fremder auf, der von den damaligen Ereignissen zu wissen scheint. Nach und nach kommen immer mehr Details ans Licht, auch wenn die Autorin den Lesenden ausreichend Leerraum lässt, um ihrer Vorstellungskraft freien Lauf zu lassen.

Die Eistaucher ist geradezu meisterhaft konstruiert und das macht auch die intensive, oft fast schon schmerzhafte Wirkung dieses Romans aus. Abwechselnd wird aus der Gegenwart und dann wieder in Rückblenden erzählt, wobei zunächst noch nicht klar ist, wer aus der heutigen Sicht erzählt und was es mit diesem furchtbaren Ereignis auf sich hat, auf das immer wieder hingewiesen wird. Erst nach und nach fügen sich die Puzzleteile langsam zusammen und während die Lesenden immer tiefer in die Geschichte hineingezogen werden, steigt auch der Adrenalinspiegel.

Foto © Carolin Krahl

Kaśka Bryla ist zwischen Wien und Warschau aufgewachsen. Studium der Volkswirtschaft in Wien, Studium am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig, wo sie 2015 die Literaturzeitschrift und das Autor*innennetzwerk „PS-Politisch Schreiben“ mitbegründet. Sie lebt und arbeitet am liebsten in kollektiven Zusammenhängen. Sie war Redakteurin des Monatsmagazins an.schläge, erhielt 2013 das STARTStipendium, 2018 den Exil Preis für Prosa. 2021 wurde ihr Theaterstück „Das verkommene Land“ uraufgeführt. 2020 erschien ihr hochgelobter Debütroman „Roter Affe“, 2022 der Roman „Die Eistaucher“. www.kaskabryla.com

Kaśka Bryla, Die Eistaucher, Residenz Verlag 2022, 320 Seiten, € 24

Auf den ersten Blick wirkt die Handlung mit der Schilderung erster Liebesdramen, der Darstellung jugendlicher Problemen mit Eltern und der Schule und den Abenteuern beim Schulschwänzen fast wie eine Netflix-Serie, wohlgemerkt eine, die sich traut, diverse Liebesgeschichten mit einer entspannten Selbstverständlichkeit zu behandeln und auch sozialkritische Themen wie die gesteigerten Erwartungen an Kinder mit Migrationshintergrund anzusprechen. Doch dann entpuppt sich Die Eistaucher zunehmend als Thriller, der ungeachtet der dramatischen Geschehnisse durchaus sehr unterhaltsam ist und auch phantastische Elemente trägt.

Mit Die Eistaucher hat Kaśka Bryla einen vielschichtigen, ungemein spannenden zweiten Roman vorgelegt, der Ursachen von Radikalisierung und Gewalt hinterfragt und dabei gleichzeitig auch ein starkes Plädoyer für Freundschaft und Liebe ist. Ein Buch, das die Lesenden nicht so schnell wieder loslassen wird.

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