„Lyrikvermittlung benötigt neue Räume des Dialogs“

Als Mitorganisatorin des Lyrikfestivals W:ORTE in und um Innsbruck setzt sich die Lyrikerin Siljarosa Schletterer für die Förderung und Vermittlung zeitgenössischer Lyrik ein. Im Interview spricht sie über die Chancen von neuen Online-Formaten. Außerdem erzählt sie von ihrem Projekt Angst wird Poesie und der Kunstplattform ART against racism – Beispiele dafür, dass Kunst auch eine wichtige sozial-politische Rolle übernehmen kann.

Frau Schletterer, ein Thema, mit dem Sie sich in letzter Zeit näher auseinandergesetzt haben, ist Angst. Dazu haben Sie auch ein Projekt mit dem Titel Angst wird Poesie gestartet. Warum war es Ihnen wichtig, dieses Thema anzusprechen?

Gerade in den letzten zwei Jahren fiel es mir auf, dass das Thema „Angst“ in seiner Komplexität, Vielfalt und Individualität immer mehr an den Rand gedrängt und weiter stigmatisiert wurde. Es gab nur ein paar Ängste – wie beispielsweise Angst vor finanziellem Ruin – über die gesprochen werden konnte, doch gerade der Lockdown hat uns auch mit unseren unterschiedlichen individuellen Angstgefühlen konfrontieren lassen. Offene Räume des Dialogs fehl(t)en. Angst ist ja per se ein Gefühl des Sich-Verwundbar-Zeigens, eine Geste, die in einer erfolgsgeprägten Gesellschaft wenig Platz findet. Poesie hat – und Kunst im Allgemeinen – für mich die Aufgabe Dialog-Räume zu eröffnen, Grenzen zu überwinden und Stimmgeberin zu sein für jene, die gerade keine laute Stimme haben. 

Stichwort Angst – Sie sind unter anderem auch Gründungsmitglied der Kunstplattform ART against racism. Wie ist diese Initiative entstanden und wie darf man sich ihre Arbeit vorstellen?

Eine ähnliche Beobachtung drängte uns, mich und Dr. Matthias B. Lauer von der Unterstützungsorganisation für Geflüchtete FLUCHTpunkt dazu, 2018 eine Plattform zu gründen. Die Arbeitsgemeinschaft ist aus einem Vorbereitungsteam von künstlerisch und gesellschaftspolitisch Aktiven hervorgegangen, die in der Solidaritätsarbeit für die Rettung von Flüchtenden im Mittelmeer weiterarbeiten wollten. Es war uns ein Bedürfnis, sich für Menschlichkeit einzusetzen und Künstler*innen, die sich engagieren wollen, eine Bühne zu bieten. Beispielsweise organisierten wir gleich im Gründungsjahr anlässlich des runden Jubiläums der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte einen fünfstündigen Kunst-Marathon für Menschenrechte. ART against racism ist als initiierende Plattform für Veranstaltungsprojekte von Kunstschaffenden in Tirol gedacht, die gegen Rassismus, für ein gleichberechtigtes Miteinander und für die uneingeschränkte Geltung von Menschenrechten Zeichen setzen möchten.

Von März bis April haben Sie sich mit Hamed Abboud wöchentlich zu einem Poesie Dialog auf Clubhouse getroffen. Haben Sie gute Erfahrungen mit diesem Format gemacht?

In erster Linie waren es neue Erfahrungen auf einem (auch für uns) neuen Medium. Ich denke Clubhouse bietet die Möglichkeit – so habe ich es empfunden – Radio im Brecht’schen Sinne zu erfahren: ein Medium, das nicht nur auf Distribution, sondern auf direkte Kommunikation (sogar fast ebenbürtige Kommunikation) ausgelegt ist. Besonders gereizt hat uns, dass alle Beteiligten in direkten Austausch kommen können, gerade als Künstler*in im Lockdown war dies sehr motivierend und unterstützend. Die entstandenen intensiven Gespräche waren wohl die nachhaltigsten Erfahrungen und haben unseren weiteren Dialog (wir haben ja in den Clubhouse-Folgen unseren Gedichtdialog berge erzählen vorgetragen) beeinflusst und bereichert. Das Vorhaben hat uns zudem bestätigt, dass Lyrikvermittlung auch (neue) Räume des Dialogs benötigt. 

Sie sind außerdem Teil des Organisationsteams des Lyrikfestivals W:ORTE in und um Innsbruck, das heuer erstmals in digitaler Form über die Bühne gehen wird. Was waren dieses Mal die größten Herausforderungen bei der Vorbereitung?  

Genau, das Festival feiert heuer sozusagen eine Online-Premiere. Damit einhergegangen sind auch einige Umbauarbeiten: die „Erbauung“ der neuen Online-Bühne und der „Umbau“ der Festival-Bar zu einer digitalen Austausch- und Tanzfläche. Zudem fand auch die ganze Planungsphase online statt. Die zwei größten Herausforderungen waren sicher die erhebliche Verteuerung (das Festival braucht rund ein Viertel mehr Budget) und die lange Ungewissheit.

Aber momentan überwiegt die Aufregung und Vorfreude. 

Könnten Sie sich für die Zukunft ein hybrides Festival vorstellen, bei dem es sowohl Präsenzveranstaltungen also auch digitale Angebote gibt?

Ob und inwiefern wir unser Lyrikfestival W:ORTE in hybriden Formen anbieten können, wird die Zukunft und die Kostenfrage weiter entscheiden.  Ich bin aber generell der festen Überzeugung, dass gerade hybride Formen zielführend sein können und in gewisser Weise „von der Pandemie übrig bleiben“ werden, da sie die Vorteile von Online- und Präsenzveranstaltungen vereinen. Ich glaube auch, dass gerade Lyrik in den digitalen Medien und in Online-Formaten weiterwachsen und in gewisser Weise weiter an Popularität gewinnen wird. 


Siljarosa Schletterer (*1991) ist freiberufliche Autorin, Lyrikerin und Kulturvermittlerin. Sie studierte Literatur- und Musikwissenschaft mit den Forschungsschwerpunkten: Zusammenspiel von Musik und Sprache sowie (Gegenwarts-) Lyrik. Vermittlung von Lyrik sowie die Verbindung zwischen Wissenschaft-Kunst-Politik ist ihr als Organisatorin, Kursleiterin, Moderatorin, Herausgeberin ein Herzensanliegen: So organisiert sie das Lyrikfestival W:ORTE in Innsbruck mit und ist z.B. Gründungsmitglied der Kunstplattform „art against racism“ und der Lyriklesebühne „wir machen halt lyrik“. Sie schreibt Rezensionen und Kritiken in verschiedenen Magazinen. 2018-2020 Konzeption/Redaktion/Moderation Lyriksendung wortflAIR, Organisationsteam des Lyrikfestivals W:ORTE Innsbruck, und redaktionelle Betreuung der Lyrikreihe „Auf Seiten der Menschlichkeit – Poesie und Widerstand“ auf der Homepage Hinter den Schlagzeilen.

Ihre Lyrik wurde in verschiedensten Literaturzeitschriften (u.a. in: Morgenschtean, DAS GEDICHT) und Anthologien (u.a. Robert Prosser und Christoph Szalay: wo warn wir? ach ja: *Junge österreichische Gegenwartslyrik, Limbus Verlag, Innsbruck 2019.) veröffentlicht.

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