„Ich bewege mich im Raum und auf einem Blatt Papier“

Foto: Alain Barbero

Als Kunsthistorikerin, Autorin und Schreibpädagogin widmet sich Brigitta Höpler dem Schreibraum Stadt. Im Interview spricht sie über Texte ohne Worte, das Verbindende zwischen Sprache und Raum und erzählt vom Flanieren durch ihre Heimatstadt Wien.

Frau Höpler, als Kunsthistorikerin haben Sie eine hohe Affinität zur Kunst. Wo sehen Sie die Schnittstellen zwischen bildender Kunst und Literatur?

Schon während meines Studiums war ich von der frühmittelalterlichen Buchmalerei  begeistert, dem feinen Ineinanderwirken von Schrift und Bild, was sich in anderer Form in den Collagen der Kubisten und Dadaisten findet.  Die visuelle Poesie habe ich erst viel später kennengelernt.

Für mich ist es weniger eine Schnittstelle, als ein Zwischenraum, in dem Bilder, Zeichen und Schrift einander begegnen, und damit das Schauen, Deuten und Lesen. Ein Raum für Mehrdeutigkeiten anstelle von Festlegungen.

Mich fasziniert immer wieder, dass die Linie Grundelement des Schreibens wie des Zeichnens ist, ich beginne zu kritzeln, es kann Schrift oder ein Bild werden. 

In Ihren Arbeiten bewegen Sie sich gerne auf dem Gebiet der visuellen Poesie, unter anderem haben Sie letzten Sommer eine Foto-Serie mit dem Übertitel „Texte ohne Worte“ online gestellt. Nun werden sich vielleicht einige fragen, wie ohne Worte ein Text entstehen kann. Wie würden Sie Ihren Zugang einer Laiin/ einem Laien erklären?

Texte ohne Worte kann es ja streng genommen gar nicht geben, mich interessiert das Paradoxon, der scheinbare Widerspruch.

Der Titel ist gleichzeitig eine Aufforderung, diese Bilder zu lesen, also eigene Worte zu finden. So verbinde ich die Bilder also wieder mit Worten, ohne sie auszusprechen.

Es geht um Assoziationen, um Andeutungen. 

Ein wichtiges Thema in Ihrer Arbeit ist Räumlichkeit. Was fasziniert Sie an der Verbindung Raum und Sprache am meisten?

Für mich ist das Verbindende die Bewegung. Der Architekt Friedlich Kiesler hat davon gesprochen, dass Raum nur für denjenigen Raum ist, der/die sich darin bewegt. Eines meiner Themen ist Gehen und Schreiben. Ich gehe durch die Stadt, die Stadt geht durch mich.

Ich bewege mich im Raum und auf einem Blatt Papier.

Eine Fußbewegung, eine Gedankenbewegung, eine Gemütsbewegung, eine Handbewegung. Ein anderes Thema ist die Wahrnehmung eines Textes als ein räumliches Gebilde, das sich aus Worten und Zeilen zusammenfügt. Ich kann einzelne Worte bewohnen (die Dichterin Rose Ausländer spricht immer wieder davon, in Worten zu wohnen), ich kann mit Zeilen etwas machen. Das lehrt mich die nomadisch-flanierende Dichterin Elfriede Gerstl (1932-2009), vor allem mit ihrem Gedicht „Vom Gebrauch der Gedichtzeilen“: sich in eine Zeile lehnen, mit einer weg schweben 

Sie arbeiten auch als Schreibpädagogin und bieten mit „Stadtschreiben“ ein gemeinsames Erleben des „Textgewebes der Stadt“ an. Wie darf man sich dieses Poesieflanieren vorstellen?    

Im Wortspiel WORTE/ORTE liegt die Essenz des Stadtschreibens: das Hin und Her zwischen den Orten und den Worten zu erkunden. 

Nach einer kurzen Einleitung bekommen die Teilnehmer*innen ein Klemmbrett, Papier, Stifte und etwa drei ortsbezogene Schreibimpulse.

Damit haben sie eine Stunde Zeit, alleine zu flanieren, zu schauen, zu entdecken, zu schreiben. Sich eine Zeit herausnehmen aus den gewohnten, geschaffenen verordneten alltäglichen Abläufen und Wegen. Bereit sein für alle möglichen Wege und Umwege, nicht zielgerade von einem zum nächsten Ort zu gehen. 

Im Schauen, Gehen und Denken abschweifen, mäandrieren. Den Blick verändern auf die Menschen, die Dinge, die Ereignisse, die Stadt. 

Stichwort Stadt – was macht Ihrer Meinung nach das Besondere, das Textgewebe Ihrer Heimatstadt Wien aus?

Spontan würde ich sagen, die Schriftzüge der Cafés und Gasthäuser und wie in jeder Stadt, die Straßennahmen.

Aber ich bin nicht sicher, ob sich das Geschriebene, die Hinweis- und Verbotsschilder, die Werbung, die Logos so sehr von anderen Städten unterscheiden. 

Was eine Stadt auch sehr prägt, ist die Sprache der Architektur, der Häuserfassaden, der Stadtmöblierung. Sie haben ihre eigenen Erzählungen. Und gemeinsam mit der sichtbaren Schrift prägen sie die Atmosphäre einer Stadt. Ich empfinde Wien stark vom Barock und Historismus geprägt, – die große Geste, der schöne Schein, eine gewisse Liebe zur Vergangenheit und etwas leicht Morbides. 


Brigitta Höpler (geboren 1966), lebt und arbeitet als  Kunsthistorikerin, Autorin und Schreibpädagogin in Wien.

Neben und nach dem Studium der Kunstgeschichte (Universität Wien) Mitarbeit im Picus Verlag und im MAK-Österreichisches Museum für angewandte Kunst, im Kuratorium des Otto Mauer Fonds,  in der Redaktionen „Kunsthistoriker aktuell“, „SchriftZeichen“und „Pannonia“. Zusammenarbeit mit SchriftstellerInnen und Künstlerinnen, u. a. Betreuung des Nachlasses der Malerin Ruth Wieser.

Weiterbildung im Bereich Traumarbeit mit Ortrud Grön, Biografiearbeit (Lehrgang „Basiskompetenzen zur Biografiearbeit“ bei Lebensmutig – Gesellschaft für Biografiearbeit) und Schreiben (Lehrgang „Wiener Schreibpädagogik“)

Seit 2016 Dozentin und Mitarbeit im BÖS-Berufsverband österreichischer SchreibpädagogInnen.

Weiterführende Links:

https://www.brigittahoepler.at/raume/

https://www.brigittahoepler.at/seminare/schreibseminare/stadtschreiben/

https://www.poesiegalerie.at/wordpress/2020/10/04/brigitta-hoepler/

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