Ein literarischer Turing-Test: poesie.exe (Hrsg. v. Fabian Navarro)

REZENSION Barbara E. Seidl, 6. Februar 2021

Im Jahr 1950 entwickelte der britische Computerpionier Alan Turing die Skizze für einen Test bei dem eine Testperson via Computer mit zwei Gesprächspartner*innen eine Unterhaltung führen sollte. Eine/r davon war ein Mensch, der andere eine Maschine. Ziel dieses „Imitation Games“ war es, herauszufinden, ob ein Computer über das gleiche Denkvermögen wie ein Mensch verfügen könnte. Obwohl Turing selbst optimistisch war, dass es letztendlich gelingen würde, die Testpersonen erfolgreich zu täuschen, schneiden die menschlichen Konkurrenten auch heute noch deutlich besser ab.

Im von Fabian Navarro herausgegebene Buchprojekt poesie.exe wird die Frage nach der Unterscheidbarkeit von Mensch und Maschine anhand von literarischen Texten gestellt. Dabei werden den Leser*innen Texte von Maschinen und Texte von Menschen präsentiert, ohne zu verraten, wer welchen Text verfasst hat. Um die Herausforderung für die Leser*innen noch ein wenig zu erhöhen, haben auch die menschlichen Autor*innen auf unterschiedliche Methoden der Texterstellung zurückgegriffen – von Zauberwürfel über Erasure, Cut-Ups oder frei verfasst, waren der Dichtkunst keine kreativen Grenzen gesetzt.

So wurde etwa ein Text durch ein künstliches neuronales Netz erzeugt und dann versucht, den Stil des neuronalen Netzes zu imitieren. Aus einem Artikel auf Autobild.de wurden Textbausteine geschnitten und zu einem Gedicht zusammengefügt, oder aus fünfzehn englischsprachigen Romance-Novels Sätze herausgefiltert und übersetzt.

Es gibt gleich mehrere Möglichkeiten, poesie.exe zu lesen: linear, also zuerst die Gedichte, dann die Beschreibungen und schließlich die Autorenbiografien, oder man blättert bei jedem Gedicht in den Beschreibungen und rät, wer welchen Text mit welcher Methode verfasst hat. In jedem Fall sollte man die Chance nutzen und unvoreingenommen an die einzelnen Texte herangehen, denn schließlich geht es ja auch um die Frage, was künstliche Intelligenz schriftstellerisch drauf hat – also quasi um einen literarischen Turing-Test.

Daher sollten die Leser*innen auch die Auflösung, zu der sie über einen QR-Code auf der letzten Seite gelangen, erst lesen, nachdem sie für sich selbst versucht haben, alle Texte den Beschreibungen der Herangehensweise und den Autor*innen zuzuordnen.

Poesie.exe ist innovatives Buchprojekt, das einen wichtigen Beitrag zum Diskurs rund um kreative künstliche Intelligenz leistet. Warum, so eine der dem Buch zugrundeliegenden Fragen, spielt es überhaupt eine Rolle, ob ein Text von einem Computerprogramm verfasst wurde? Und ist das dann noch Literatur? In jedem Fall ist poesie.exe ein interaktives Lesevergnügen, ein neoavantgardistisches Ratespiel, bei dem die Leser*innen nicht nur die Lesart selbst bestimmen sondern sich auch eine eigene Meinung darüber bilden können, wie sie zu Texten von kreativen Maschinen stehen.

Foto (c) tj photography

Fabian Navarro *1990 in Warstein, ist Autor, Slam Poet und Kulturveranstalter. Seit 2008 tritt er bei Lesebühnen und Poetry Slams auf, gewann mehrere Landesmeisterschaften und wurde bei den deutschsprachigen Poetry Slam Meisterschaften 2017 Vize-Meister. Sein letztes Buch Die Chroniken von Naja erschien 2017 bei Lektor. Sein aktuelles Online-Projekt trägt den Namen Eloquentron3000 – ein Bot, der Gedichte schreibt

Fabian Navarro (Hrsg.), poesie.exeTexte von Menschen und Maschinen. Satyr Verlag 2020. 124 Seiten, € 14.

Mit Beiträgen von: Jörg Piringer, Berit Glanz, Ken Merten, Saša Stanišic, Hannes Bajohr, Gregor Weichbrodt, Julia Nakotte, Lukas Diestel, Elias Hirschl, Oliver Schürer, Florian Schlederer, Nicolas M. Godoy, Christoph Hubatschke, Miedya Mahmod, Fabian Neidhardt, Fabian Navarro, Selina Seemann, Nina Sinsel, Frank Sorge, Eloquentron3000


Barbara E. Seidl ist freie Autorin, Literaturwissenschaftlerin und Trainerin für Deutsch und Englisch als Fremdsprache.

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